Historische Ansicht der Evangelischen Schule am Karlsplatz Hast du noch Fragen? Schreib uns!

Woher wir kommen?

Vor fast 150 Jahren wurde das Schulgebäude nach Plänen von Theophil von Hansen errichtet, vor knapp 50 Jahren wurde das von den Kriegseinwirkungen schwer gezeichnete Haus wiederaufgebaut. Das Grundkonzept des dänischen Architekten ist auch heute noch durchaus gültig: in dem freistehenden Gebäude sind die Klassenräume rundum außen angeordnet, sie gruppieren sich um drei unterschiedlich große Höfe - eine Schule der kurzen Wege und guter funktionaler Zusammenhänge.

Knaben- und Mädchenschule waren nach Geschoßen getrennt untergebracht, Küche, Speisesaal und eigene Räume für die Nachmittagsbetreuung gab es nicht.
 

Evangelische Schule am Karlsplatz - Ende des 19. Jahrhunderts
 

Um das Öffentlichkeitsrecht nicht zu verlieren, musste die Schule, die 1862 eröffnet worden war, im Jahr 1878 einen eigenen Turnsaal einrichten - bis dahin wurde die von einem Glasdach geschützte Halle (Innenhof) als Pausen- und Bewegungsraum benützt, die erste "Hallenschule".

Es wurden 2 Klassenräume im Erdgeschoß zusammengelegt und dadurch ein Turnsaal geschaffen, dafür sollte allerdings die Stiege in den Innenhof verlegt werden.


Wider die Verbauung der Halle der Wiedener Schule

"Wir erheben unsere Stimmen um zu verhindern, dass der erste
(und einzige?) Hallenschulbau Wiens zerstört und licht- und luftarm gemacht wird! Wohl wussten wir, dass neue Schulzimmer nötig sind ... nun hörten wir, das die jetzige schöne Stiege abgebrochen wird, dass an ihre Stelle Schulzimmer kommen und dass eine neue Stiege in die Halle kommt. Geschieht dies, dann haben die frohen herzerhebenden Schulschlussfeiern in der Halle ein Ende ..."

(Zitat aus dem Protestflugblatt ehemaliger Schüler 1879 "Wider die Verbauung der Halle der Wiedener Schule" )


Die räumliche Beengtheit wurde beseitigt, als im Jahr 1912 nach Entwürfen der namhaften Architekten Siegfried THEISS (evang. AB) & Hans JAKSCH eine Freitreppe in den Innenhof eingebaut wurde.
Eine Notiz am Rande: in dem mit der Generalsanierung beauftragten Planungsbüro Treberspurg & PA ist eine junge Architektin beschäftigt, die eine ganz besondere Beziehung zur Geschichte des Hauses hat: sie ist die Urenkelin von Siegfried Theiss.


1938 - 1945

Das Schulhaus, das immer auch ein paar Geschäfte und Wohnungen beherbergt hat, wurde 1938 von den Nationalsozialisten enteignet, zuletzt wurde es als Volkssturmkaserne verwendet und 1945 in den letzten Kriegstagen angesichts des Herannahens der Russen in Brand gesteckt. Es blieb nur das übrig, was nicht brennbar war: die Außenmauern und die Gewölbe der Gänge rund um den Innenhof haben "überlebt", die Steinpfeiler waren teilweise abgeplatzt, die Fassade war schwer in Mitleidenschaft gezogen, der Dachstuhl war verbrannt, ebenso die Wohnung des Superintendenten.


Der Wiederaufbau

Superintendent Georg TRAAR konnte einen Verkauf der Brandruine an die Technische Hochschule verhindern, er setzte sich mit seiner ganzen Persönlichkeit für den Wiederaufbau ein. Dabei musste er massive Widerstände innerhalb der Kirche überwinden.

In den Jahren von 1951 bis 1962 gelang es ihm, Spenden in der Höhe von damals insgesamt ca. 11 Mio Schilling aus dem In- und Ausland zu erbitten, Arch. Albrecht und Ing. Liebe planten und leiteten den Wiederaufbau, freiwillige Helfer aus dem Ausland arbeiteten in ihrer Freizeit auf der Baustelle. Dieses Gebäude ist eines der wenigen auf Privatinitiative hin wiederhergestellten prominenten Ringstraßengebäude - umso bemerkenswerter ist die Leistung.

Im Zuge des Wiederaufbaus nach dem 2. Weltkrieg entschloss man sich, im Haus keine Wohnungen und Geschäfte mehr unterzubringen, es sollte ausschließlich ein Schulhaus sein.

Die Veränderungen am Gebäude sind sichtbar: die Fenster wurden vergrößert und die Rundbogen wurden weggelassen, die Stiege rückte wieder an den ursprünglichen Platz zurück, der Seiteneingang in der Resselgasse verschwand, die 2. Stiege, eine Wendeltreppe, wurde nicht mehr errichtet, das Glasdach über dem Innenhof wurde weggelassen, die Hoffassade mit Fenstern und Türen geschlossen, an Stelle eines Dachbodens entstand eine Dachterrasse.

Was nicht verändert wurde: das Dach wurde - zumindest zum Teil - wieder mit Kupferblech eingedeckt, das war zwar ziemlich teuer aber es fügt sich optisch wohltuend in die prominente Nachbarschaft ein.
Der Volksschulbetrieb wurde nach dem Krieg im ehemaligen Waisenhaus in der Hamburgerstraße begonnen: in die 1. Klasse wurden 53 Kinder aufgenommen.


Neue Herausforderungen

Die Schule wuchs rascher als die Renovierungsarbeiten am Karlsplatz vor sich gingen, es wurde viel mehr Geld benötigt, eine öffentliche Straßensammlung im Jahr 1952 wurde erlaubt und Sonderbriefmarken wurden gedruckt (Erlös 1 Mio Schilling), eine Buntmetallsammlung und einige Benefizkonzerte brachten zusätzliche Spenden.

Im Jahr 1962 konnte das neu erstandene Gebäude endlich bezogen werden, ab diesem Zeitpunkt wurde die Zahlung der Lehrergehälter von der öffentlichen Hand übernommen.

Um weitere Einnahmen zu erhalten, wurden Räume vermietet: an die Maturaschule Roland, an die Industriellenvereinigung und an den Ersten Wiener Turnverein. Die Arbeiten am Festsaal wurden 1963 eingestellt, der Festsaal blieb für lange Zeit Baustellen-Ruine.

1977 erhält das Haus endlich einen Aufzug, 1980 beschließt man den Keller auszubauen, um die akute Raumnot zu mildern: Küche und Speisesäle, Turnräume und Werkstätten wurden dringend benötigt.
Die Fassadensanierung (1996 - 2006) geht eigentlich auf eine Initiative des ehemaligen Bürgermeisters Dr. Helmut Zilk zurück: als aufmerksamer Beobachter "seiner" Stadt stellte er fest, dass das Haus dringend eine Renovierung benötige, und er sagte dem damaligen Superintendenten Werner Horn zu, es gäbe dafür auch Subventionen aus dem Budget der Altstadterhaltungsfonds.

2005 wurde mit der aktuellen Generalsanierung begonnen.